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Die Geschichte des kleinen Ruben und seiner Familie

Er spricht nicht viel. Und er lächelt noch seltener. Die meiste Zeit sitzt er still auf dem Schoß seiner Mutter, während sie die Geschichte ihrer Familie erzählt. Im zarten Alter von sechs Jahren hat der kleine Ruben schon viel gesehen. Er ist auch das einzige Mitglied seiner Familie, das sehen kann: Seine Mutter hat ihr Augenlicht als Kind verloren und sein Vater, ein christlicher Pastor, ist von Geburt an blind. Sie wohnen in einem kleinen Dorf irgendwo in den weiten Ebenen des indischen Bundesstaats Madhya Pradesh. Das Leben in diesen ländlichen Gebieten ist hart. Das heiße, trockene Klima erschwert sowohl die Pflanzenzucht als auch die Viehhaltung. Rubens Familie ist an dieses entbehrungsreiche Leben gewöhnt. Aber nichts konnte sie auf das Schicksal vorbereiten, das die Familie vor ereilte.

Rubens Vater hielt gerade einen Gottesdienst in seiner Kirche ab. Zehn bis fünfzehn Menschen hatten sich zum Gebet versammelt, als plötzlich eine aufgebrachte Meute die Kirche stürmte. Unter wütenden Schreien begannen sie, die Gläubigen anzugreifen. Der Pastor und seine Familie wurden schließlich gefangen genommen und zur nächsten Polizeistation gebracht. „Mein Sohn und ich wurden von meinem Mann getrennt und nackt ausgezogen“, erinnert sich Rubens Mutter, „und dann haben sie uns immer und immer wieder geschlagen.“ Die Familie wurde drei Tage und drei Nächte lang ins Gefängnis gesperrt und dann gegen Kaution entlassen.

Was an diesem Tag geschah, war kein Einzelfall – und bleibt auch nicht auf kleine Gemeinden evangelikaler Christen beschränkt. Es passiert immer häufiger in ganz Indien. Die Übergriffe folgen einem ganz bestimmten Schema: Zuerst werden die christlichen Gläubigen körperlich angegriffen. Dann zerren die Angreifer sie zur Polizei und beschuldigen sie, jemanden gewaltsam zu bekehren versucht zu haben. Die Polizei, besonders in abgelegeneren Gegenden, glaubt tendenziell eher den Angreifern als den Opfern. Manchmal stellen sich die Behörden sogar offen auf die Seite der Täter.

Der kleine Ruben aus Indien zeichnete die Krippenszene auf der Vorderseite dieser Karte.

Obgleich Christen nur eine kleine Minderheit darstellen und weniger als drei Prozent der Bevölkerung ausmachen, reicht ihre Existenz in Indien bis zum Apostel Thomas zurück und ist seit nunmehr fast 2 000 Jahren ein wichtiger Bestandteil der indischen Gesellschaft. Christen tragen auf viele verschiedene Arten zur indischen Gesellschaft bei. So gibt es beispielsweise mehr als 30 000 Bildungseinrichtungen und 100 000 Krankenhausbetten allein unter der Leitung der katholischen Kirche, Dienste, die von der indischen Gesellschaft hoch geschätzt werden.

Warum also steigen die Hass- und Gewaltverbrechen gegen sie so stark an? Ein Grund ist die in den letzten Jahren sehr stark gewordene nationalistische Hindutva-Ideologie. Ihre fanatischen Anhänger wollen die gesamte Nation von allen nicht-hinduistischen Religionen säubern.

Während Muslime als „Terroristen“ gebrandmarkt werden, gelten Christen als eine sogar noch größere Bedrohung – da sie vorgeblich gläubige Hindus zu bekehren versuchen. „Sie benutzen falsche Anschuldigungen, um Hass zu schüren. Und niemand in ihrer Partei oder der Regierung relativiert ihre problematischen Äußerungen“, erklärt ein katholischer Bischof aus Indien. Er zeigt sich sehr besorgt über das zunehmende Klima des Hasses und Argwohns gegenüber religiösen Minderheiten.

Selbst die offiziellen Daten der Regierung belegen dies: Gemäß des National Crime Records Bureau (Büro für die Aufzeichnung von Straftaten in Indien) wurden im Jahr 2016 447 Delikte verzeichnet, die die Feindschaft zwischen verschiedenen Gruppen aufgrund von Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder Herkunft schüren, was einen Anstieg von über 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Religious Restrictions Report des Pew-Forschungszentrums im Jahr 2017 zählt Indien zu den Ländern mit den stärksten Religionseinschränkungen.

Im Laufe der letzten Jahre erfuhren Anti-Konversionsgesetze einen derartigen politischen Aufschwung, dass es so gut wie unmöglich wurde, zu einer anderen Religion als dem Hinduismus zu konvertieren. Während das erste dieser Gesetze aus dem Jahr 1961 stammt, haben mittlerweile acht indische Bundesstaaten sogenannte „Religious Freedom Acts“ eingeführt. Manche davon schreiben den Konvertiten und ihren religiösen „Mentoren“ vor, die Behörden nicht nur über ihre Konversion zu informieren, sondern auch deren Erlaubnis einzuholen. Ein Pastor oder Priester muss nun die Regierung um Erlaubnis bitten, bevor er einen Konvertiten taufen darf. Die öffentliche Bekanntgabe einer Konversion birgt auch gewisse Risiken. Mehrere Pastoren und Priester mussten unter dem Verdacht „gewaltsamer Bekehrung“ strafrechtliche Ermittlungen über sich ergehen lassen, nachdem eine Taufe offiziell gemeldet worden war. Konvertiten und Kirchenführer werden dadurch leicht zu Opfern von Lynchjustiz und anderen Formen der Gewalt.

Tehmina Arora ist Menschenrechtsanwältin und leitet die juristische Arbeit von ADF International in Asien. Sie ist mit den meisten dieser Vorfälle vertraut. Sie übernahm damals im Prozess auch die Verteidigung des kleinen Ruben und seiner Familie. „Niemand sollte aufgrund seines Glaubens verfolgt werden“, ist sie überzeugt. „Das Recht auf Religionsfreiheit ist in der indischen Verfassung verankert. Jeder hat das Recht, seinen Glauben zu praktizieren. Aber wir können dieses Recht nicht mehr als selbstverständlich betrachten. Wir müssen dafür kämpfen. In zu vielen Staaten ist es bereits durch Anti-Konversionsgesetze untergraben worden.“ Dank der unermüdlichen Arbeit unserer Partneranwälte in Indien wurden sowohl Rubens Vater als auch seine Mutter in diesem Jahr von allen Anschuldigungen freigesprochen. Die Familie wird endlich ein Weihnachten ohne Rechtssorgen und frei von der Bedrohung einer Gefängnisstrafe verbringen können.

Trotz des steigenden Drucks ist Frau Arora davon überzeugt, dass noch nicht alles verloren ist. Zusammen mit ihrem Team und an der Seite anderer Organisationen hat sie bereits mehr als 200 Fälle im Namen zu Unrecht beschuldigter Priester, Ordensschwestern, Pastoren und Privatpersonen gewonnen. Im Mai 2018 hat ein Gericht christlichen Familien, die im Zuge der Kandhamal-Unruhen in Odisha antireligiösen Gewaltakten zum Opfer gefallen sind, finanzielle Wiedergutmachung zugesprochen. Es hatte zehn lange Jahre gedauert, bis den Familien, die ihre Liebsten verloren hatten, endlich Gerechtigkeit zuteil wurde.

Helfen Sie uns, die Grundfreiheiten zu schützen

ADF International bekräftigt das grundlegende Verständnis, dass Menschenrechte auf der allen Menschen innewohnenden Menschenwürde basieren. Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Gemäß Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht dem kleinen Ruben, seinen Eltern und den Mitgliedern seiner Gemeinde die Freiheit zu, ihren christlichen Glauben „durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten“ zu bekunden.

Wenn Sie dazu beitragen wollen, dass Christen auf der ganzen Welt, so wie dem kleinen Ruben und seinen Eltern, diese Rechte auch in Zukunft nicht genommen werden, unterstützen Sie uns noch heute bei der Förderung und dem Schutz unserer grundlegenden Freiheiten.

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