- Recht ausgehebelt: Wie Religion zur Grundlage von Unrecht wird.
- Menschenrechtsorganisationen und ADF International stellten jüngste Entwicklungen in Wien vor.
WIEN (29. Mai 2026) – Der dramatische Fall der entführten 17 jährigen koptisch-christlichen Ägypterin Silvana Atef Fanous brachte in Wien Vertreter von Politik, Wissenschaft und internationale Menschenrechtsorganisationen zusammen. Auf einer Pressekonferenz in Wien vor zwei Tagen zeichneten die Europäische koptische Menschenrechtsorganisation (EUCHOR), die Internationale Gesellschaft Orientalischer Christen e.V. (IGOC) sowie ADF International ein Bild systematischer staatlicher Willkür, religiöser Diskriminierung und massiver Verstöße gegen internationales Recht.
Ein Minderjährigenfall, der zum Politikum wird
Exemplarisch wurde der Fall von Silvana aufgezeigt, einem geistig behinderten Mädchen. Sie wurde entführt, mutmaßlich vergewaltigt, zwangskonvertiert. Polizeibeamte hatten das Mädchen an den mutmaßlichen Täter übergeben. Die Familie wurde bei dem Versuch, Anzeige zu erstatten, festgenommen und gefoltert.
Medhat Klada, Präsident von EUCHOR, sagte: „Das Gesetz wird in Ägypten entsprechend religiöser Selektion angewendet.“
Staatliche Akteure wirken am Unrecht mit
Der Jurist Mina Ghattas (IGOC) aus Frankfurt/Main ordnete den Fall völkerstrafrechtlich ein. Die geschilderten Vorgänge erfüllten mehrere Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach Art. 7 im Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, darunter erzwungenes Verschwindenlassen, sexuelle Gewalt, Freiheitsentzug und religiös motivierte Verfolgung.
Martin Lessenthin, Sachverständiger für Menschenrechtsfragen und Mitherausgeber der Jahrbücher für Religionsfreiheit ergänzte: „Jährlich wissen wir von rund 5000 Entführungsfällen in Verbindung mit Eheschließung und Konversion.“
Besonders schwer wiege die Beteiligung staatlicher Akteure. Die Polizei weigere sich nach wie vor, „die Minderjährige ihrer Familie zu übergeben,“ berichtete Ghattas. Er forderte eine internationale Untersuchung. Ebenso sollten europäische Entwicklungsgelder an rechtsstaatliche Mindeststandards gebunden sein: „Recht darf dem Unrecht nicht weichen.“
Einen weiteren Bezug zu Europa stellte Dr. Gudrun Kugler her: „Wir dürfen auch nicht wegschauen in Bezug auf die gleichen Fragen, wenn es um unsere eigenen Länder geht. Wir haben auch in Wien und in Berlin das Phänomen der Zwangsheirat, der Kinderheirat,“ verdeutlichte die österreichische ÖVP-Abgeordnete zum Nationalrat.
Blasphemiegesetze als Repressionsinstrument
Dr. Felix Böllmann (ADF International, Leiter der europäischen Rechtsabteilung) sieht den Fall im Kontext zunehmender Repression gegen Christen in Ägypten. Ein Hebel dafür: das Blasphemiegesetz. Es werde genutzt, um christliche Stimmen mundtot zu machen.
„Christen können sich in Ägypten nicht auf einen neutralen Rechtsstaat verlassen“, sagte Böllmann. Die Verurteilung des christlichen Bloggers Augustinos Samaan zu fünf Jahren Haft zeige, „wie schnell und scharf Behörden inzwischen unliebsame religiöse Stimmen unterdrücken“. ADF International unterstützt diesen Fall juristisch. Böllmann warnte: „Untätigkeit öffnet weiterer Ungerechtigkeit Tür und Tor.“
Alle Sprecher betonten, dass der Fall Silvana ein strukturelles Muster offenlege: Entführungen, Zwangskonversionen, Nichtverfolgung der Täter finden seit Jahren in Ägypten statt. Der Jurist Ghattas (IGOC) appellierte an die internationale Öffentlichkeit, namentlich die UNO, das Thema immer wieder anzusprechen: „Ihr seid die Stimme derer, die keine Stimme haben.“
Die Mahnung eines Präzedenzfalls
Die Botschaft der Pressekonferenz war eindeutig: Wie glaubwürdig sind Menschenrechtsstandards noch, wenn sie widerspruchslos gebrochen werden?
Erschwerend sei auch, „dass es ein sehr geringes Bewusstsein innerhalb der politischen europäischen Community für diese Übergriffe gibt“, bedauerte die österreichische Politikerin Kugler. Ihr dreifacher Appel:
„Zuerst an Ägypten, sich als moderner Staat zu positionieren und die Menschenrechtsdokumente, die es unterzeichnet, auch ernst zu nehmen. Zweiter Appell an die westlichen Staaten, gegenüber Ägypten auch stark aufzutreten. Dritter Appell an die koptisch-christliche Diaspora in ganz Europa, darüber viel mehr zu informieren, in allen Parlamenten.“
Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher, zugeschaltet für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und Präsident des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (IIRF), erinnerte, dass weltweit tätige Organisationen das Versagen staatlicher Behörden zwar regelmäßig dokumentieren. Doch: „Schweigen von Regierungen und auch von Kirchen wird als Zustimmung gedeutet.“
Konzertierter, gezielter, politischer Druck, so der Tenor, könnte religiösen Minderheiten in Ägypten entscheidend helfen. Die Organisationen kündigten an, den Fall weiter international zu verfolgen – als Präzedenzfall und als Mahnung.
ADF International unterstützt aktuell zudem die Berufung von Augustinos Samaan und hofft auf einen positiven Ausgang, wie zuvor im Fall von Abdulbaqi Saeed Abdo.


